Wenn sich das Ich auflösen kann, war es je fest?
Ego-Dissolution ist eine der häufigsten Erfahrungen in psychedelischen Sessions, und eine der am besten erforschten. So stellt sich die sehr alte philosophische Frage, was danach übrig bleibt.
Eine der am häufigsten berichteten Erfahrungen in psychedelischen Sessions, auch in unserer eigenen Arbeit, lässt sich kaum in Worte fassen, und die, die es versuchen, teilen sich gerne dieselbe Formulierung: Es gab plötzlich niemanden mehr, der die Erfahrung hatte, kein Ich, das schaute, fühlte, bewertete, nur noch das Schauen, Fühlen, Bewerten selbst, ganz ohne jemanden, dem es passierte.
In der Forschung heißt das Ego-Dissolution, seit 2016 sogar mit einem eigenen, validierten Fragebogen: acht Items wie "ich fühlte mich eins mit dem Universum" oder "jede Vorstellung von Selbst und Identität löste sich auf", mit denen sich die Intensität der Erfahrung messen lässt [1]. Neurologisch fällt das mit einer verminderten Aktivität im sogenannten Default Mode Network zusammen, jenem Netzwerk, das unter anderem für selbstbezogenes Denken zuständig ist, das ständige leise Kommentieren des eigenen Erlebens, das die meisten Menschen für ihr Ich halten [2]. Wird es leiser, wird auch das Ich leiser. Eine der saubereren Korrelationen in der ganzen Psychedelika-Forschung, wenn auch noch nicht vollständig verstanden.
So kristallisiert sich eine nicht ganz unscheinbare Überlegung heraus: Wenn sich etwas auflösen kann, ohne dass danach etwas fehlt, wenn das Alltagsbewusstsein einfach zurückkommt, mit allen Erinnerungen, allem Charakter, aller Kontinuität intakt, dann war das, was sich da "aufgelöst" hat, offenbar nie das, was einen Menschen zusammenhält. Was genau das stattdessen ist, darüber streiten Philosophen länger, als es Neurowissenschaft überhaupt gibt.
Das ist keine neue Idee, so gerne die Szene manchmal so tut, als hätte Psilocybin sie erfunden. Hume hat im 18. Jahrhundert dasselbe behauptet, mit weniger Substanzen und mehr Lesezeit: Wer in sich hineinschaue, finde nie ein Selbst, nur einzelne Wahrnehmungen, ein Bündel, das sich zufällig zusammenhängend anfühlt, weil es sich erinnert. Kein Kern dahinter. Der Buddhismus kommt über einen völlig anderen Weg zum selben Verdacht, Anatta, das Nicht-Selbst, seit über zweitausend Jahren. Und Derek Parfit hat vor knapp fünfzig Jahren in aller nüchternen Analytik vorgerechnet, dass persönliche Identität über die Zeit eher eine Frage des Grades ist als eine feste Tatsache, dass das, was wirklich zählt, psychologische Kontinuität ist, nicht irgendeine metaphysische Ich-Substanz, die es vermutlich nie gab.
Was Psilocybin dazu beiträgt, ist kein neues Argument, sondern ein Erlebnis, das eine alte Behauptung plötzlich nicht mehr nur denkbar, sondern spürbar macht. Man kann Humes Bündeltheorie stundenlang lesen und trotzdem beim Aufwachen wieder felsenfest an sein Ich glauben. Nach einer Session, in der es kurz nicht da war, fällt das schwerer.
Diese Erfahrung automatisch als befreiend zu beschreiben, wäre eine Möglichkeit. Manche Menschen kommen aus so einer Erfahrung mit großer Erleichterung zurück, andere mit einer Angst, die noch Wochen nachhallt, gerade weil etwas so Grundlegendes für ein paar Stunden nicht mehr verlässlich da war. Wer sich sein Ich als Schutzwall gebaut hat, aus guten Gründen, erlebt dessen kurzzeitiges Fehlen selten als Geschenk.
Genau dieser Unterschied lässt sich inzwischen sogar messen. In einer Studie zu Psilocybin bei therapieresistenter Depression sagte die Intensität von "Oceanic Boundlessness", dem offenen, grenzenlosen Erleben, eine stärkere Besserung voraus. "Dread of Ego Dissolution", die Angst vor genau diesem Auflösen, sagte das Gegenteil voraus [3]. Wie der Erfahrung begegnet wird, scheint demnach mehr zu entscheiden als die Substanz allein. Am deutlichsten zeigte sich das bei der ersten Sitzung, bei folgenden Dosen weniger, ganz sauber lässt sich der Zusammenhang also noch nicht trennen.
Ob das Ich danach wieder genauso fest wirkt wie vorher, lässt sich nicht pauschal beantworten. Für ein paar Stunden war es weder da, um sich zu verteidigen, noch gab es etwas, das hätte verteidigt werden müssen. Danach fühlt sich das Ich oft anders an: weniger wie eine Tatsache, die feststeht, mehr wie etwas, das sich noch verändern darf. Das macht therapeutisch einen Unterschied: Eine gefühlt feststehende Tatsache wie "so bin ich eben" wird leichter revidierbar, lässt sich leichter aus der Distanz betrachten und führt im besten Fall zu genau der Verschiebung, die in der Forschung mit Besserung einhergeht. Ob daraus etwas wird, das hilft, scheint weniger von der Dosis abzuhängen als von der Haltung, mit der man der Erfahrung begegnet.
Quellen
[1] Nour MM, Evans L, Nutt D, Carhart-Harris RL. Ego-Dissolution and Psychedelics: Validation of the Ego-Dissolution Inventory (EDI). Frontiers in Human Neuroscience 2016;10:269.
[2] Carhart-Harris RL, et al. Neural correlates of the LSD experience revealed by multimodal neuroimaging. PNAS 2016;113(17):4853–4858.
[3] Roseman L, Nutt DJ, Carhart-Harris RL. Quality of Acute Psychedelic Experience Predicts Therapeutic Efficacy of Psilocybin for Treatment-Resistant Depression. Frontiers in Pharmacology 2018;8:974.